So nicht!
Das Ende eines Schafs
Im letzten Artikel habe ich die Serie „Fliegen im Gebirge“ begonnen. Darin will ich die Grundlagen des Fliegens in den Bergen näher beschreiben. Im nächsten Teil (2) werden wir die unterschiedlichen Bedingungen zwischen der Gebirgsfliegerei und dem Fliegen im Flachland oder Mittelgebirge näher betrachten. Doch zuvor will ich Euch heute so richtig auf das Thema einstimmen. Es geht ja nicht um die Einhaltung irgendwelcher Vorschriften. Im Normalfall geht es um Euren Kopf!
So mancher Flachländer musste die Besonderheiten des „Alpenfluges“ teuer bezahlen. Richtig teuer! Abtransport der Reste, Instandsetzung, Verfahrenskosten etc., da kommt ein stolzes Sümmchen zusammen. Über die Ersatzteilpreise für den zerdepperten Holzkopf möchte ich dabei gar nicht weiter spekulieren.
Aber mir passiert natürlich so was nicht! …glaubt jeder verantwortungsbewusste Pilot. Doch wie leicht es passieren kann, habe ich leider selbst im Flusi erleben müssen. Es ist einfach immer das gleiche Spiel. Unter uns eine herrliche Landschaft, die jeden Betrachter in seinen Bann zieht und vor uns Granit!
Keine Angst, lieber Leser, jetzt kommt nicht schon wieder die alte Klamotte mit dem “Cummulus Granitikus” u.ä. Aber von Natur aus stehen in den Bergen nun mal des Öfteren diese Granitklötze genau im Weg. Der faszinierenden Anblick lenkt ab. Gerade in neuer, ungewohnter Umgebung ist unsere Neugierde besonders groß. So entsteht immer das gleiche Problem: nach unten, weil man da so vieles sehen kann – nach oben, weil da mehr Platz ist. Und dann wird es oft eng!
Ein typisches Beispiel für einen Anfänger-Unfall lieferte ich noch Anfang Juni selbst ab. Meine Neugierde oder besser meine mangelnde Flugdisziplin fand ein jähes Ende im Schnee. Vom Vierwaldstättersee aus wollte ich einen erholsamen Feierabendflug mit meiner ACA Scout zu den Schweizer Gletschern machen.
Als Ausgangspunkt habe ich Buochs (LSZC) gewählt. Buochs ist wieder ein Airport, der oft von mir genutzt wird, weil ich von dort schnell auf dem Dach der Schweizer Alpen bin.
Der Platz und die Gemeinde Buochs (5200 Einwohner) liegen am Südufer des Vierwaldstättersees. Der Airport wird hauptsächlich von der Schweizer Luftwaffe betrieben, hat aber auch einen zivilen Bereich. Vielen Luftfahrtfans ist Buochs als Hausflugplatz der Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans bekannt. Anfang August findet in Buochs die erste Schweizer AERO EXPO 2009 statt, eine Flugzeumesse für die Allgemeine Luftfahrt. Hinweise: AERO-EXPO 2009
Doch jetzt endlich zum Flug. Der Leser kennt ja bereits die ACA Scout als meinen Lieblingsflieger für die Berge aus anderen Berichten (siehe Hangar). Der leichte Spornrad Hochdecker ist mit seiner Knüppelsteuerung und seiner besonders schmalen Bauweise für mich einfach die ideale Gemse für die Berge, auch wenn viele Profis traditionell eine Piper Super Cub bevorzugen.
Nach dem üblichen Procedere vor einem VFR-Flug geht es dieses Mal zum Start von der Bahn 07R LSZC . Diese Bahn ist mit 1500 m mehr als ausreichend lang für unser STOL-Leichtgewicht . Da die VFR-Karte des schweizer Flughandbuches (AIP) keine Kontrollpunkte und Abflugrouten vorschreibt, fliege ich bei leichtem Ostwind im direkten Abflug nach Nord-Ost. Nach Erreichen der Sicherheitshöhe und Abschalten der Benzinpumpe drehe ich leicht auf Ost, um bald den Rütli mit der bekannten Rütliwiese zu überfliegen.
Nach der Überlieferung trafen sich hier wenige Meter über dem Urnersee, im August 1291 die Vertreter der Waldstätten Schwyz, Uri und Unterwalden und riefen den „Ewigen Bund“ aus. Man betrachtet dies als Gründung der Schweiz. Hier findet auch seit 1862 jährlich das berühmte „Rütlischiessen“ statt, bei dem sich über tausend Schützen aus der ganzen Schweiz versammeln.
Über diesem geschichtsträchtigen Grund drehe ich auf Nord und folge dem Urnersee Richtung Altdorf und St.Gotthard. Auch über Altdorf der Hauptstadt des Kanton Uri gäbe es viel Interessantes zu berichten, aber hier geht es ja um das Ende dieses Fluges.
Ich steige also gemütlich mit ca. 500 ft/min über das Tal der Reuss, wobei ich langsam von Süd nach West drehe und die Berge westlich der A2 überfliege. Ein ganz normaler Flug ohne besondere Vorkommnisse. So erreiche ich auf ca. 12000 ft. über Realp den Furkapass. Ich bin am Ziel - da sind die Gletscher. Wie riesige, breite Ströme aus Stein streben sie zu Tal. Ein Anblick, den ich bei aller Sachlichkeit nur als majestätisch bezeichnen kann. Ich bin immer wieder wie hin gezogen – will runter, näher ran.
Der riesige Rohnegletscher, der zwischen den Furkahorn (3169 m) und den Gerstenhörnern (3189 m) heraustritt, reichte noch Anfang des 19. Jh. bis zum Ort Gletsch hinunter. Sein heutiges Ende in der Talwand zeigt ein deutliches Beispiel für den Rückgang der alpinen Gletscher. Mich zieht der Anblick der Gletscher immer wieder wie magisch an.
So drehe ich über dem Grimselpass nicht wie geplant wieder nördlich, um in Meiringen zu landen. Mich lockt der Unteraargletscher, westlich vom Grimsel, den wir schon beim Flug „Im Jungfraugebiet“ gesehen haben. Und damit nimmt eine typische Anfängertragödie ihren Anfang.
Eines der größten Probleme für Anfänger liegt im Visuellen. Das Abschätzen von Höhen und Entfernungen klappt nicht mehr so wie im Flachland. Auch das Einhalten der Fluglage wird ohne Sicht des natürlichen Horizonts für VFR-Flieger schwierig.
So lasse ich mich verleiten, in den Sinkflug zu gehen, um mir den Gletscher näher an zu schauen. Da die Gletscher meist sehr breit sind, gehe ich davon aus, immer Platz genug für eine Umkehrkurve zu finden.Völlig berauscht von der spektakulären Bergkulisse verliere ich die notwendige Aufmerksamkeit. Ich sinke immer tiefer, ohne das Mischungsverhältnis anzupassen.
Doch schon nach einigen Minuten wird es mir mulmig im Bauch. Genug, wieder hoch, sonst wird es vielleicht zu eng! Es sieht so aus, als könnte ich evtl. noch nach rechts ausweichen. Doch beim Näherkommen erweist sich das als Irrtum. Am Ende des vorgeblichen Ausweges steht nur eine hohe Felswand. Jetzt nur nicht panisch werden! Meine Hände klammern um den Knüppel, als wollte ich ihn erwürgen.
Sofort den Throttle auf Vollgas, aber der Lyco rumpelt und stampft und baut nur langsam mehr Leistung auf. Da sehe ich den roten Mixture-Hebel. Wie taub und blind muß man sein, um in über 9000 ft noch immer nahezu full rich seinen Motor zu schinden. Da muss ich wohl eben bei den Verränkungen, um mehr vom Gletscher zu sehen, unbemerkt den Hebel verschoben haben? Oder habe ich gepennt? Jetzt aber zügig abgemagert - aber mit Gefühl, sonst verschluckt sich der Motor und geht aus. Hoffentlich sind die Zündkerzen nicht schon so verußt, dass der Boxermotor nur noch spuckt und qualmt. Ängstlich lausche ich dem Klang des Motors, der langsam wieder satter wird. Aber hilft das noch?
Natürlich ziehe ich immer mehr am Knüppel, um schneller zu steigen. Aber die Scout nähert sich immer mehr der Stall-Geschwindigkeit. Mehr Auftrieb durch die Klappen? Aber dazu traue ich mich nicht mehr - zu nahe am Stall; Umkehren? Schon lange zu spät, mit diesem bißchen Fahrt bohre ich den Flieger nur in die Felswand. Ziehen, Ziehen - gleich ist es geschafft! Doch das Knirschen des Schnees und der Stoß des Aufschlages belehren mich eines Besseren. Ich habe es nicht geschafft!
Die Scout liegt mit gebrochenem rechten Fahrwerksbein im Schnee. Kein Ruhmesblatt in meinem Flugbuch. Das Schaf wollte so gerne eine Gemse sein - nun liegt das Schaf im Schnee.
Hier ist wohl eine ganze Menge schief gelaufen. In der Realität kann so eine Fehleinschätzung ganz böse enden. Im Simulator sind die Folgen zwar harmloser, aber frustig ist es in jedem Fall.
Ich hoffe sehr, dass Euch dieser Artikel Spass gemacht hat und Euch neugierig auf den nächsten Teil von “Fliegen im Gebirge” gestimmt hat.
Euer
mak
Tags: ACA Scout, Buochs, Pilatus, Rütlischwur, Rhonegletscher, Stall, Unfall, Unteraargletscher







